Luigi Pirandello - Ein Immigrationspessimist?

Er ist fremd, er ist anders, er ist einsam. Die Sprache versteht er nicht, die Sitten kennt er nicht und eingewöhnen kann und will er sich nicht: ein Immigrant.

Diese düstere Situation erinnert derzeit wohl fast jeden Deutschen an die jüngste Debatte über Integration, die hierzulande nach der Veröffentlichung von Thilo Sarazzins neuestem Buch die Gemüter erhitzte.

Es ist jedoch eine Novelle von Luigi Pirandello, die diese trostlose Szenerie zeichnet und den treffenden Titel Lontano (dt.: weit weg) trägt. Zudem handelt die Geschichte nicht etwa von einem Türken, wie es sich Thilo Sarrazin wünschen würde, sondern von einem Norweger, den es nach Sizilien verschlagen hat. Lars Cleen ist der Name dieses nordischen Seefahrers, der, durch eine schwere Erkrankung zum Verbleib in Sizilien gezwungen, in dem kleinen Fischerdorf Porto Empedocle keinerlei Anschluss findet und schnell zum Außenseiter wird.

Pirandello, bekannt geworden als großer Erneuerer des Theaters, beschäftigt sich besonders in seiner Frühphase mit der Begegnung zwischen unterschiedlichen Kulturen, erzählt anrührende Geschichten von Integrationserfolgen und -misserfolgen. Dabei erkundet er die verschiedensten Kulturen in ihrem Aufeinanderprallen: Norweger, Sizilianer, Afrikaner, Deutsche und Norditaliener versuchen in seinen Novellen, sich in einer fremden Gesellschaft zu behaupten und… scheitern, meistens jedenfalls. Nur einzelnen Figuren gelingt eine vollständige Assimilation, jedoch für den Preis des Identitätsverlustes. Das besondere Augenmerk des sizilianischen Autors liegt auf der Gegensätzlichkeit von Sizilien und dem Rest von Europa, wobei er die traditionell-religiös geprägten Insulaner mit der modern-aufgeklärten Gesellschaft des Festlands kontrastiert; ohne jedoch einer der beiden Kulturen den Vorzug zu geben. Vielmehr zeigt er die Vor- und Nachteile der einzelnen Wertsysteme auf und relativiert so ihre absolute Gültigkeit.

Nun könnte man meinen, Pirandello wäre für eine Integrationsdebatte wenig hilfreich, da er so pessimistische Ansichten vertritt und eine erfolgreiche Integration ohne Verluste für schier unmöglich hält. Das Gegenteil jedoch ist der Fall: seine Geschichten können uns, den Lesern, helfen, die Schwierigkeiten einer Anpassung an eine fremde Kultur besser zu verstehen und nachzufühlen. Und, was vielleicht noch wichtiger ist, zu sehen, dass jeder Immigrant ein Gefühl mit Sicherheit kennt: das Sich-Ausgeschlossen-Fühlen.


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