Mehr Phallus für die Kunst
Eine alte, verlassene Landeszentralbank mit überwucherten Terrassen und abgerissenen Teppichböden. Und in jedem Raum ein anderer Straßenkünstler, der seine neuesten Werke vorstellt: Graffitis, Eddingzeichnungen, Skulpturen, Legofiguren; kurz, alles, was die derzeitige Straßenkunst so zu bieten hat. Soweit das Konzept der diesjährigen Stroke - Urban Street Fair, die am 29./30. Mai in München zu bewundern war.
In den labyrinthischen Gängen tummeln sich Karikaturen, abstrakte Kunstwerke, Comicfiguren und weibliche Akte in allen Formen und Farben: vielbusige Fruchtbarkeitsgöttinnen, rothaarige Verführerinnen und aufreizende Damen mit gespreizten Beinen, wahlweise mit einem Totenschädel oder einem Hühnerschenkel als Intimbedeckung. Doch was völlig fehlt, sind Männer in erotischen Posen. Nicht, dass es nicht nackte Männer gäbe, ganz im Gegenteil, nur werden ihre Körper anders dargestellt; sie bringen Schmerz oder Verlassenheit zum Ausdruck. Nie jedoch sind sie der Gegenstand weiblicher Lust.
Die Frau hatte es schwer in der Kunst. Über Jahrhunderte hinweg war sie weitestgehend vom Kunstbetrieb ausgeschlossen und es war der Mann, der die Motive der Literatur, der Musik und der bildenden Künste prägte. Dadurch entstand ein reichhaltiger Topos der sexuell stimulierenden Frau, der von Rembrandt über Rodin und Schiele eine großartige Vielfalt erreicht hat.
Damit ist es leicht für moderne Künstler, aus dieser Stofftradition zu schöpfen; es kann zitiert, ironisiert, kritisiert und abstrahiert werden. Anders steht es um den männlichen Akt: es ist nie ein wahrer Topos des aus Sicht der Frau sinnlichen Mannes entstanden, auf den man zurückgreifen könnte. Zwar fand durchaus auch eine Erotisierung des Mannes statt, angefangen mit griechischen Statuen der Antike über die Renaissance bis zur Gegenwart, doch war sie nie als Ausdruck weiblichen Begehrens intendiert, sondern meist von homosexuellem Interesse motiviert. Parallel dazu hat sich aus dem Jesus am Kreuz der entblößte männliche Körper vor allem als Leidensfigur etabliert.
Daraus soll den Männern keinesfalls ein Strick gedreht werden, denn es ist an den Künstlerinnen, dieses Missverhältnis auszugleichen. Nur sie vermögen es, einen authentischen Blick des Begehrens von Seiten der Frau auf den männlichen Körper zu eröffnen. Doch scheinen sie noch zu sehr mit der Aufarbeitung traditioneller Darstellungsformen von Weiblichkeit beschäftigt zu sein. In einer Ausstellung, die 2008 in München unter dem Titel "Female Trouble" zu sehen war, widmeten sich zeitgenössische Fotografinnen der Uminszenierung von Weiblichkeit; stereotype Abbildungen der Frau aus Kunst und Medien wurden auf die Schippe genommen und dekonstruiert.
Diese Künstlerinnen setzten sich so mit dem vorherrschenden Massendiskurs auseinander und hinterfragten ihn, was eine wichtige Aufgabe und Funktion der Kunst darstellt. Es handelt sich hierbei jedoch um Versuche, eine Etablierung von weiblicher Identität abseits vom bzw. in Opposition zum Mann zu erreichen. Frauen scheinen noch immer gegen traditionelle Bilder anzukämpfen, anstatt die eigene Sexualität und Lust zu erkunden. Doch ist nicht Sexualität ein großer Teil der eigenen Identität? Und was wäre Sex ohne den Mann?
Männliche Körper sind schön, sie sind begehrenswert, sie sind sexy! Und sie gehören in Ausstellungen und Museen. Dies ist ein Plädoyer für die ungeschminkte Darstellung des Mannes als Objekt der Begierde. Mehr Phallus braucht die Kunst!